Adorantinnen am Neuen Tor
Adorantinnen am Neuen Tor

Kennzeichen NB

Die Seiten von, aus und über Neubrandenburg

Kennzeichen NB ist die Webseite, die Neubrandenburgs gleichnamige Stadtführer-Reihe begleitet, die Sie am Nummernschild mit den Anfangsbuchstaben NB HB auf dem Cover erkennen können.

Hier finden Sie Geschichten aus der Geschichte Neubrandenburgs, die eine oder andere interessante Nachricht und auch den einen oder anderen Zwischenruf.

Neubrandenburg kommt mehr und mehr in Mode.  Viele Einwohner besinnen sich auf ihre Heimat, andere fangen an sie zu entdecken. In der Ferne lebende Viertorestädter wollen nicht vergessen wo sie geboren wurden oder gelebt haben. Jeder will Anteil nehmen an der Stadt, ihrer Geschichte und deren Geschichten, an der Entwicklung. Immer mehr äußern ihre Meinung zu Themen der Stadtentwicklung.

Auf Facebook gibt es Neubrandenburg-Gruppen mit tausenden Mitgliedern und Seiten mit unzähligen Likes.

Eine Bürgerstiftung wurde von Bürgern ins Leben gerufen. Andere gründeten, gründen bzw. engagieren sich in Vereinen. Immer mehr leisten einen Beitrag für ein lebens- und liebenswertes Neubrandenburg.

Ich möchte mich davon nicht ausschließen. Als Journalist und Autor beschäftige ich mich beruflich mit Neubrandenburg. Ich verdiene damit einen Teil meines Lebensunterhaltes.  Neubrandenburg bietet mir die Möglichkeiten dafür. Also gebe ich mein Wissen jetzt einfach über diese Seite zurück und verspreche, dass die Seite an Umfang zu legen wird.

Helmut Borth


Blick auf das Refektorium des Franziskanerklosters an der Stadtmauer. Früher war es Teil des brandenburgischen Markgrafenhofes, heute ist es Regionalmuseum.
Blick auf das Refektorium des Franziskanerklosters an der Stadtmauer. Früher war es Teil des brandenburgischen Markgrafenhofes, heute ist es Regionalmuseum.

Eine Revolution fegt durch Neubrandenburg

So wie auf dem um 1835 von Caspar David Friedrich gemalten Neubrandenburg kann man sich die städtische Feldmark vorstellen. Sie war unbebaut.
So wie auf dem um 1835 von Caspar David Friedrich gemalten Neubrandenburg kann man sich die städtische Feldmark vorstellen. Sie war unbebaut.

Der von der Jahnstraße abzweigende Krügerkamp ist nicht etwa eine vorweggenommene Ehrung für den Ex-Oberbürgermeister Dr. Paul Krüger, wie sie verschiedene in Stadtgeschichte eingegangene Stadtoberhäupter zuteil wurde, zum Beispiel Wilhelm Ahlers. Den Krügerkamp gab es schon bevor Monckeshof, Fritscheshof, Carlshöhe, Fünfeichen, Eschengrund und Eschenhof oder die Kruseshofer Straße entstanden, die heute eine Erinnerung an eine Revolution sind, die vor gut 150 Jahren durch Neubrandenburg fegte und sogar Fritz Reuter im fernen Eisenach bewegte.

 

 „Kaum habe ich meinen lieben Neubrandenburgern den Rücken gewandt, so bricht eine Revolution aus: Die Sturmglocken werden gezogen, und 7 und ein Viertel Husaren reiten ins Stargarder Tor, und den Repräsentanten auf dem Tor schütteln darob ihre Köpfe so sehr, daß sie wieder einmal dieselben verlieren und gewiß – wenn ich wiederkomme – kopflos dastehen. […] Aber sagt mir, warum hab ihr mich nicht gerufen und die braven Schustergesellen, wir hätten die Sache in Schwung gebracht und wenn wir gefallen wären in dem männermordenden Streit, dann lägen wir auch schon in unsern stillen Gräbern, und der Wanderer stände davor und sagte: ‚Auch diese starben den schönen Tod der Separation.‘“

 

Fritz Reuter nimmt Bezug auf tumultartige Szenen, die sich am 9. Dezember 1862 im Rathaus abspielten, als der Rat über seinen Entwurf zur Separation der Feldmark abstimmen lassen wollte.

 

 

Worum ging es dabei? Die seit der Stadtgründung 1248 erfolgte Dreifelderwirtschaft, bei der die Feldmark in eine ständige Ackerfläche und ein ewiges Weideland aufgeteilt war, hatte Ende des 18. Jahrhunderts endgültig ausgedient. Auf dem Land hatten Bestrebungen um eine intensivere Bewirtschaftung bereits nach und nach zur Einführung der Koppelwirtschaft nach Holsteinischen Vorbild geführt. Bei der wurde das gesamte anbaufähige Land in die Bodennutzung einbezogen. Getreide-, Brach- und Weideflächen wechselten rotationsartig auf den einzelnen Schlägen. Außerdem wurden immer mehr Brachflächen bzw. abgeerntete Getreidefelder mit Futterpflanzen wie Klee bestellt, was zu einer vermehrten Rinderhaltung und in deren Folge über eine größere Dungproduktion zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit und damit wieder einer wachsenden Getreideproduktion führte.

 

Die Neubrandenburger Ackerbürger konnten aus verschiedenen Gründen dabei nicht mithalten. Zum einen waren viele ihrer Flurstücke als Erbe des Mittelalters klein. Zum anderen konnte nicht jeder seine Parzelle über einen eigenen Weg erreichen, so dass häufig Nachbarschaftsrechte auf dem kleinen Besitz lagen und allein die es unmöglich machte, den Schlag einzuzäunen, um ihn vor Schäden durch Wild oder weidende Tiere zu schützen. Dazu kam, dass eine Reihe von Grundbesitzern über Kauf, Heirat oder Erbe bzw. Pacht    über einen unterschiedlich großen Anteil an der Feldmark verfügten, dies aber ein Streubesitz war und nicht einheitlich bewirtschaftet werden konnte. Außerdem gab es in Neubrandenburg ein der gesamten Stadtbevölkerung gehörendes Weiderecht auf einem Fünftel der gesamten Feldmark. Die Weideflächen – der vormalige Name der Jahnstraße, Kuhdamm, weist den Weg zur Kuhweide – waren im 19. Jahrhundert in einem Zustand, dass sie dem Vieh kaum noch Futter boten. Die Gemeinweide war versumpft. Dazu kam, dass das Recht der Stoppelhut seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert  zunehmend in Konflikt mit einem vermehrten Kartoffel- und Kleeanbau auf den Feldern kam. Auch Neubrandenburgs Stadtbauern waren an größeren Erträgen und mehr Gewinn interessiert. Bei der sie hemmenden Stoppelhut hatten alle Stadtbewohner das Recht, ihn Vieh auf abgeernteten Getreidefeldern weiden zu lassen. Dafür mussten keine Abgaben gezahlt werden.

 

 

Vor allem die Weiderechte waren es, die in der Viertorestadt am Tag der Abstimmung das Fass zum Überlaufen brachten. Die Situation hatte sich im Verlauf der Jahre hochgeschaukelt und immer weiter verschärft. Schon1854 hatte der erste Entwurf einer Separationsordnung in Neubrandenburg vorgelegen. Da der aber das Problem der Weidegerechtigkeit ausschloss und sich nur auf die Ackerstücke bezog, musste weiter verhandelt werden. Bis 1862 wurde um Verfahrens- und Detailfragen gefeilscht. Dabei wurde mit Beginn der der 1860er Jahre zunehmend Kritik aus der Bevölkerung laut, dass es bei der Separation nicht [mehr] um das Allgemeinwohl gehen würde, sondern um die Interessen einer Reihe großer Grundbesitzer und vor allem der Kämmerei. 1861 erhielt die großherzogliche Regierung in Neustrelitz eine von mehr als 600 Personen unterzeichnete Unterschriftenliste gegen die Separation, auf der auch mehr als 100 Tagelöhner unterschrieben hatten. Sie, aber auch die kleinen Grundbesitzer hatten spätestens zu diesem Zeitpunkt der gemerkt, dass ihre Meinung im Verfahren nicht wichtig war. Deutlich wurde das daran, dass der Magistrat im bereits am 24. April 1863 durch Großherzog Georg genehmigten Entwurf Flächen für die Stadt hatte reservieren lassen, auf denen später Anlagen der Friedrich-Franz-Eisenbahn gebaut werden sollten. Außerdem wurde mit dem Entwurf ein Torfstichverbot erlassen. Diese Einnahmequelle – um 1850 waren es mit 827 Talern fast sieben Prozent der städtischen Einnahmen – wollte sich der Magistrat für die Stadtkasse selbst sichern.

 

 

Nachdem die Abstimmung am 9. Dezember im Aufruhr endete, setzte der Magistrat eine Woche später einen zweiten Termin an. Diesmal ließ er aber für die Dauer des Votums durch das Standgericht den Branntweinausschank an „sitzende Gäste“ aus der Klasse der Tagelöhner, Knechte und kleinen Ackerbürger verbieten. Außerdem versicherte er sich der Unterstützung von 20 zuverlässigen Bürgern. Darüber forderte er aus Neustrelitz acht Distrikthusaren an. Doch entgegen aller Befürchtungen blieb es am 16. Dezember ruhig.  Ein Grund dürfte auch in der Wahlbeteiligung“ gelegen haben. Von 170 im Verfahren möglichen Stimmen wurden nur 103 abgegeben. 67 stimmten für die Separation der Feldmarkt. 40 stimmten dagegen. Doch auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wusste sich der Gesetzgeber zu helfen. Er hatte bestimmt, dass jede nicht abgegebene Stimme als Zustimmung zur Separation zu werten sei. Demzufolge hatten die Neubrandenburger mit deutlicher Mehrheit der Separation ihrer Feldmark zugestimmt.

 

Ruhe zog trotzdem nicht zwischen den Toren ein. Zum einen ging es weiter um das Torfstichverbot, das der Rat zurücknahm, als klar wurde, dass auf den zur Verteilung vorgesehenen Flächen der Torf nicht ertragreich war. Zum anderen hatte ein Bauboom eingesetzt, was zur Folge hatte, dass die neuen Hausbesitzer eine Gleichbehandlung mit allen anderen Eigentümern forderten und ebenso ein Stück Acker auf der Feldmark wollten. Noch Jahre zogen sich die Ereignisse hin. Die Separationsurkunde der Stadt trägt das Datum vom 21. Juli 1870.

 

Jeder Hufenbesitzer bekam schließlich sein Eigentum zusammenhängend angewiesen. Die Größe der Fläche definierte sich über die Güte des Bodens. Besitzer größerer Ackerflächen kamen an das Ende der Feldmark und erhielten die Erlaubnis, sie von einem Ausbau aus bewirtschaften zu dürfen. Von der Erlaubnis machten Brauer Franz Moncke, Kornhändler Carl Christian Jacob Tiedt, Gehöftbesitzer Fritsche und Advokat Loeper Gebrauch, der Fünfeichen aufbaute. Dazu entstanden Nobelings und Rochows Ausbau sowie der Krügerkamp und bald darauf Kruseshof. Hufenbesitzer Reinhold verpachtete seinen Besitz bei Tannenkrug an einzelne Ackerbürger und Hufenbesitzer Brem bewirtschafte ihn von der Stadt aus. Sein Sohn  verkaufte 1909 das Land an die Mecklenburgische Ansiedlungsgeselslchaft. Diesem Verkauf verdanken die Büdnerkolonie Eschengrund und das Gut Eschenhof ihr Entstehen.

 

 

 „Das alte Neubrandenburg schwindet vor unseren Augen dahin und wird bald nicht mehr sein“. So notierte Pastor Franz Boll 14 Tage vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges. Seine Heimatstadt hatte heute vor 150 Jahren begonnen, ihr mittelalterliches Korsett abzuschütteln.

 

 Die Torsperre war aufgehoben, die Stadtmauer durchbrochen worden. Die Eisenbahn erreichte fauchend den neuen Bahnhof und löste einen Bauboom sowie eine beginnende industrielle Entwicklung aus. Die Stadt erhielt Gaslaternen und Bürgersteige. Und nachdem Mecklenburg-Strelitz dem Norddeutschen Bund beigetreten war, versetzten das Gesetz über die Freizügigkeit sowie die Aufhebung des Zunftzwanges und die Verkündung der Gewerbefreiheit dem „althergebrachten Zunftwesen den Todesstoß“.

 

„Eine völlige Umgestaltung unserer Stadt, wie unserer Gerichts-Verfassung werden demnächst eben so nothwendige Folgen sein,“ schlussfolgerte Boll und behielt Recht.

 

Neubrandenburger "verkaufte" Fritzing

Buchhändler und Verleger Carl Brünslow
Buchhändler und Verleger Carl Brünslow

Bismarck nannte ihn einen „auserwählten Volksdichter“ und Thomas Mann bekannte, für seine Buddenbrocks bei ihm gelernt zu haben. 2010 feierte Mecklenburg-Vorpommern den 200. Geburtstag seines (National-)Dichters. Zwischen 1856 und 1863 lebte der in Neubrandenburg und verbrachte hier nach eigenen Aussagen seine schaffensreichsten Jahre. Dann kehrte der Dichter auf Wunsch seiner Frau der Viertorestadt den Rücken und zog nach Eisenach.

Die Neubrandenburger haben ihren Fritze Reuter aber nie aus den Augen verloren. Schon 1887 erschien in der "Neubrandenburger Zeitung" ein Spendenaufruf zur Errichtung eines Reuterdenkmals. Das wurde 1893 eingeweiht. Im selben Jahr spendierten Mecklenburger Auswanderer ihrem Heimatdichter im Chicagoer Humboldt-Park ebenfalls eines, abgespart vom Mund und aufgestellt in der Nähe von Goethe und Schiller (!).

 

Zum 200. Reuter-Geburtstag wurde im Neuen Tor eine Ausstellung zum 200. Geburtstag des Reuter-Verlegers Carl Hinstorff gezeigt. Bei vielen Reuter-Lesern weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass die Verlagsrechte an Reuter einst nach Neubrandenburg gehörten.

 

Wie der Neubrandenburger Carl Brünslow Reuter an Hinstorff verlor, überlieferte der Buchhändler und Schriftsteller Ulrich Meyer vor in seinem 1923 veröffentlichten Buch „Der Meister und sein Schüler“.  Das war vor 90 Jahren.

 

„Brünslow hatte die Läuschen und Rimels in Verlag genommen. Mit dem Absatz dieses Erstlingswerks des damals noch unbekannten Dichters ging es aber recht schlecht. Das von Brünslow in das Geschäft gesteckte Geld schien verloren.  Da war eines Tages Hinstorff aus Wismar zu Besuch gekommen. Der verlegte den  erfolgreichen Voß- und Has-Kalender und kam viel in Mecklenburg herum. Den bearbeitete Brünslow und brachte es schließlich fertig, ihm die Vorräte der Läuschen und Rimels nebst dem Verlagsrecht zu einem Preise zu verkaufen, der die gehabten Auslagen mehr als reichlich deckte. Brünslow ließ dem Kollegen nichts von der inneren Befriedigung über dies Geschäft merken. Als Hinstorff aber wieder abgereist war, ging Brünslow am Abend selbigen Tages in den Ratskeller, wohin er auch seine nächsten Freunde geladen hatte. Denen gab er ein kleines fröhliches Fest. ‚Kinnings, ich will Jug wat seggen: ik heff hüt Fritzing Reutern sin ollen Schitkram Hinsdörpen upsnackt, un ik sall nu all min Geld wedder hebben. Dat ist sunnen Geld, dor möten wi eens up drinken.‘ Und alle freuten sich mit ihm und tranken gern von des Kellerwirtes gutem Rotspon, den Vater Brünslow behaglich lächelnd bezahlte…“

 

1859 war das.

 

Die Brünslowsche Hofbuchhandlung wurde am 4. September 1821 als Zweiggeschäft der Ludwig Dümmlerschen Buchhandlung in Neustrelitz begründet und von Carl Brünslow am 1. November 1842 käuflich erworben und unter seinem Namen fortgeführt.

 

Carl Brünslow, der auch Meister vom Stuhl der Neubrandenburger Freimaurerloge war und dessen 200. Geburtstag das vielfach geschichts(un)bewusste Neubrandenburg 2011 „vergessen“ hat, wurde am 3. November 1811 in Stralsund als Sohn des Zollinspektors Ludwig Brünslow geboren. Er trat mit 16 Jahren in die Triniussche Buchhandlung seiner Heimatstadt als Lehrling ein, um nach kurzem Aufenthalte in Berlin zu Dümmler nach Neustrelitz zu gehen.

 

1860 wurde Wilhelm Blauert als Teilhaber in der Firma von Carl Brünslow. Nach dessen Tod am 8. März 1883 verkaufte seine Witwe das Geschäft an Max Schorss und Emil Brückner. Letzterer erhielt das Prädikat „Hofbuchhändler“ und war ab 1. Dezember 1888 alleiniger Inhaber des Unternehmens. Emil Brückner hat es verstanden, den pädagogischen Verlag der Firma, der neben dem Sortiment gepflegt wurde, auf einheitlicher Grundlage ruhend erheblich auszubauen.

 

Unfähig, das weite Herz zu beschränken

1873 wurde das Rettungshaus Bethanien in Rattey ein Opfer der Februar-Stürme.
1873 wurde das Rettungshaus Bethanien in Rattey ein Opfer der Februar-Stürme.

Vor 103 Jahren zog das 1851 in Rattey durch Adolph und Bertha von Oertzen gründete Rettungshaus „Bethanien“ in einen Neubau auf Neubrandenburgs Kupfermühlenberg, wo bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren sozial gefährdete Jungen und Mädchen auf der Basis des christlichen Glaubens so erfolgreich betreut wurden, dass die Neubrandenburger nach und nach dem Berg den Namen gaben, den heute jeder Viertorestädter kennt: Bethanienberg.

 

 

Mehr als 700 Briefe schrieb Bertha von Oertzen vor mehr als 160 Jahren, um Spenden für den Bau des ursprünglichen Rettungshauses und dessen Betrieb auf dem Familiengut bei Friedland zu sammeln. Aus 122 Orten des Mecklenburg-Strelitzer Großherzogtum erhielt sie Unterstützung für das Vorhaben. Auch wenn sie und ihr Mann in den folgenden Jahren immer wieder Spenden für den Unterhalt des Hauses erhielten, den größten Teil der Kosten musste der Gutsbetrieb in Rattey, Charlottenhof, Adolphseck und Brohm aufbringen. Als Adolph von Oertzen 1867 starb, stellte sich  schnell heraus, dass die Ausgaben zu groß und die Einnahmen zu klein waren und der Gutsbesitz das Rettungshaus nicht länger tragen könne. Dazu kam, dass es kein Testament gab und sich jeder als Erbe als Besitzer fühlte und die meisten auch so handelten.

 

Luise von Voss, eine Tochter, schreibt in ihren Aufzeichnungen: „Ach die Söhne. Die Güter können das Geld für ihre Bedürfnisse nicht hergeben. Denkt denn keiner von ihnen daran, das Erbe der Väter als heiliges Vermächtnis zu wahren. […] Wie oft hat er gesagt: ich drehe mich im Grabe um, wenn die Güter verkauft werden müssen.“ Adolph von Oertzen hatte drei minderjährige Jungen hinterlassen, so dass die Erbauseinandersetzung aufgeschoben werden musste. Die Zeit nutzte Witwe. Auf ihr Betreiben gründete Großherzog Friedrich Wilhelm in Neubrandenburg ein neues Heim, dessen Neubau am 19. Juli 1872 am Sonnenkamp eingeweiht wurde und das auch die Ratteyer Schützlinge aufnahm. Gerade noch rechtzeitig, denn 1873 brachten Februar-Stürme das alte Rettungshaus auf dem Land zum Einsturz.

 

 

Viele Neubrandenburger kennen das erste Bethanien-Heim in der Stadt ohne zu wissen,  dass es dies war. Vor seinem Abriss, der Platz für zwei Stadtvillen machte, war es unter anderem Sitz der Grünflächenabteilung der Stadtverwaltung. Doch auch wenn das geschichtsträchtige Gebäude aus dem Stadtbild verschwand, erfüllen Abbruchsteine des Gebäudes weiter einen sozialen Zweck. Aus ihnen wurden im Interkulturelen Garten des Soziokulturellen Bildungszentrums (SKBZ) am Reitbahnsee zwei Hochbeete, an denen kleine Kinder unter Anleitung das Gärtnern lernen.

 

 

Zum 150. Jahrestag der Gründung eines weiteren Rettungshauses, eines für Mädchen, würdigte das Schlosshotel Rattey durch die Einweihung einer Stele das diakonische Wirken von Adolph und Bertha von Oertzen. Mit Recht wurde dabei das Engagement des Paares gewürdigt, das immerhin die ersten Jugendhilfeeinrichtungen in der Region ins Leben rief, das 1843, nur drei Jahre nach dem Aufruf von Friedrich Fröbel, des Urhebers der Kindergartenidee, „Kleinkinderschulen“ in Rattey und Brohm gründete, dass das Personal dafür selbst ausbildete und den Frauen die Arbeit für das Gut am Samstagnachmittag erließ. Und zu Recht wurde die „Mutter Bathaniens“ dabei als treibende Kraft herausgestellt. Doch zur Wahrheit gehört auch die andere Seite der Medaille. Bertha von Oertzen hat mit ihrer aus heutiger Sicht fast krankhaft wirkenden  Frömmigkeit   und ihrem daraus resultierenden christlichen Engagement zur Zerrüttung des Besitzes und der Familie beigetragen. Das Denken ihrer Kinder hat sie mit ihrem Vorbild und Erziehungsgrundsätzen in deren zunehmenden Alter nicht mehr erreicht. In den Aufzeichnungen ihrer Tochter Luise von Voss heißt es: „Das Geld hatte für die Mutter, als der rechten Tochter ihres Vaters, gar keinen Wert. Nur haben, um zu geben. Aber wenn die Güter ihre Zinsen nicht flüssig machen konnten, wie war sie dann so angst erfüllt ihren Verpflichtungen nicht nachkommen zu können.“ Nach dem Tod des Vaters notierte Luise: „ Die arme Mutter musste viel hören über ihre Unfähigkeit, das weite Herz, die offene Hand zu beschränken.“  Doch nicht nur Kritik musste sich Bertha von Oertzen anhören. Als ihr Sohn Karl, Kammerherr des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, der als Drost, das heißt oberster Verwaltungsbeamter, in Mirow tätig war, mit seiner Familie als Erbe das Herrenhaus in Rattey bezog, musste sie weichen. Sie zog mit ihrer Tochter Adelheid nach Neubrandenburg. Ihr Schwiegersohn Oberst Werner von Seeler, Flügeladjutant von Großherzog Friedrich Wilhelm hatte ihr dort ein Haus ausgewählt. „Es lag in einem Gärtchen am Wall --- Visasvis die köstlichen Eichen mit ihrem fröhlichen Vogelgezwitscher.“ Bertha wollte jenseits der Eisenbahn, aber nicht direkt in der Stadt wohnen. Aber Neubrandenburg wurde ihr keine Heimat mehr. Sie suchte kaum das Bethanien-Heim oder ihre Freunde auf. Sie zog sich völlig zurück und stellte sogar ihre Spaziergänge ein. Und dann musste sich auch noch einmal umziehen, weil das Haus am Wall verkauft werden musste und sie gekündigt wurde. Ihre letze Adresse fand sie am 25. September 1884 in der Treptower Straße. Keine vier Monate später starb sie im Alter von 73 Jahren.

 

Heute fördert der Evang.-Luth. Kirchenkreis Mecklenburg als Rechtsnachfolgerin des von den Nationalsozialisten enteigneten Hauses Bethanien mit seiner Bethanienstiftung Projekte für sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte Kinder und Jugendliche.

 

Gottesmehl & Kirchenstaub

Die Mulden in den Wändern der Konzert- und der Johanniskirche, die meisten gibt es an den Südsiten und in der Nähe von Türen und Toren, fallen nur den wenigsten Passanten auf. Die Schälchen und Näpfchen , wie die kreisrunden Spuren im Backstein genannt werden, die auch in anderen europäischen Städten an sakralen Bauwerken zu finden sind, gaben Rätsel auf.

Die Interpretationen dieser Spuren im Stein sind sehr unterschiedlich. Sehr wahrscheinlich scheint die These, dass die runden Vertiefungen mit einem Durchmesser von zwei bis viereinhalb und einer Tiefe bis zu zwei Zentimetern eher eine mythologische Bedeutung haben und der Gewinnung von Steinstaub für fragwürdige Heilmittelchen dienten. Entstanden sind die Vertiefrungen sehr wahrscheinlich mit drehenden Münzen.

 

Dem beim Drehen gewonnenem feinen Steinpulver wurde schon in vorchristlicher Zeit eine magische Wirkung zugeschrieben. Ein Brauchtum oder Aberglaube, der sich auch im strenggläubigen Mittelalter hielt.

Karl Walter Eitelmann ist in Deutschland Experte auf dem Gebiet von Wetzrillen und Näpfchen. In einer seiner Schriften ist zu lesen: „Steinsandentnahme durch Steinschaben und Wetzen erbrachte Heilsand, Heilerde oder Kirchenstaub. Das so gewonnene Steinmehl diente als Wundermedizin oder Talisman zur Heilung von Mensch und Tier. Man wetzte an Kirchen, Kreuzen und Grabsteinen von Heiligen, vermengte das Steinpulver mit Wasser und trank dann dieses Gemisch selbst oder gab es dem kranken Vieh zu trinken. Um gewisse Leiden zu heilen, hat man dem Steinsand Fett hinzugefügt und damit kranke Körperteile eingerieben.

Das erste Auto in der Stadt

Der 1860 fertig gestellte Speicher wurde 2004 durch Webasto saniert.
Der 1860 fertig gestellte Speicher wurde 2004 durch Webasto saniert.

Dem Unternehmer war es meistens selbst vorbehalten, das Fahrzeug zu steuern. Sein alter Prokurist wehrte sich mit Händen und Füßen, die kleinste Fahrt in dem Ungetüm zu unternehmen. Nach seiner Ansicht war das Auto viel zu gefährlich. Das galt nichts für Tiedts Frau Elsabe, die auf dem Foto mit ihrer Enkelin hinten im Fond Platz genommen hat, und erst recht nicht für den den ersten Autobesitzer der Stadt.

Max Tiedt war ein begeisterter Autofahrer. So war es für ihn auch keine Frage, seinem Freund, dem Landesherrn, zu folgen und sich dem 1912 in Schwerin gegründeten Großherzoglichen Mecklenburgischen Automobilclub anzuschließen. Er wurde Mitglied der Sektion Neubrandenburg. Sein Ausweis trug die Nummer 30.

Max Tiedt war jeglichem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen. Die Weltläufigkeit des Neubrandenburgs resultierte aus seiner soliden Ausbildung im Familienunternehmen, bei Getreidehändlern und Banken in ganz Deutschland sowie einer mehrjährigen Tätigkeit an der Getreide-Weltbörse in Chicago. Nachdem er 1899 das Familienunternehmen in der mecklenburgischen Provinz übernehmen musste, modernisiere er zuerst den von seinem Großvater Hans Georg Tiedt außerhalb der Stadtmauern errichteten Speicher. Er ließ Elevatoren (Stetigförderer) einbauen und eine amerikanische Telefonanlage installieren. Die verband sein Büro mit dem Whnhaus der Familie gegenüber dem großherzoglichen Palais in der Innenstadt. Von den Landwirten der Umgebung wurde dieses technische Wunder ebenso bestaunt wie 1923 die von seinem Sohn Carl Jacob Tiedt in Betrieb genommene Radioempfangsanlage. Mit der konnte die 1815 gegründete Firma Tiedt Kurse von der Börse empfangen und war so der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus.

 

Das richtige Gespür für die Neuerungen der Zeit hatte bereits Jahrzehnte zuvor Hans Georg Tiedt bewiesen. Im Wissen über den zukünftigen Verlauf der Bahntrasse durch Neubrandenburg, die Hamburg mit Stettin verbinden sollte, hatte er große Flächen in diesem Bereich erworben und 1847 mit dem Bau eines 2500 Kubikmeter großen Speichers begonnen. . Die städtischen Behörden waren gegen Tiedts Projekt, einen Getreidespeicher mit einer Lagerfläche von 2500m³, vor der Stadt zu erbauen, da er für die etwa 100 Scheunen, die ebenfalls vor der Stadtmauer lagen, Konkurrenz darstellte. Sie konnten es aber nicht verhindern.

 Nachdem 1857 durch eine Kommission die exakte Planung der Bahntrasse von Güstrow nach Neubrandenburg feststand, überließ er der Bahn das an seinen Speicher angrenzende Land unter der Bedingung, dass sie die von Tiedt benötigten Waggons kostenlos an- und abtransportiert.

Mehr als 75 Jahre versuchten die Eisenbahnunternehmen aus dem für sie ungünstigen Vertrag herauszukommen und stritten vor den Gerichten mit den Tiedts. 1924 entschied das Reichsgericht dann endgültig gegen Reichsbahn und Reichsverkehrsminister und für die Familie, die bis 1953 ihre Handelsfirma weiter betreiben konnte, ehe sie enteignet wurde.

 

Heute ist der Tiedt’sche Speicher ein von der Webasto AG saniertes Industriedenkmal, ein Bürogebäude, in dem unter anderem die Entwicklungsabteilung des Unternehmens untergebracht ist. Der Automobilzulieferer Webasto entwickelt und produziert komplette Dachsysteme sowie Heiz-, Kühl- und Lüftungssysteme unter anderem für Opel und bietet darüber hinaus auch Standheizungen und Schiebedächer zur Nachrüstung an.

Keine Hochhäuser am Oberbach

Nur noch wenig blieb von Albaubestand des 20. Jahrhunderts in der Rostocker Straße erhalten. Mein Geburtshaus aber steht besser als als je zuvor, das mit dem Balkon.
Nur noch wenig blieb von Albaubestand des 20. Jahrhunderts in der Rostocker Straße erhalten. Mein Geburtshaus aber steht besser als als je zuvor, das mit dem Balkon.

Zusammen mit der alten Schlachthofvilla erinnern nur noch ein halbes Dutzend Wohnhäuser stadtauswärts und die 1993 restaurierte St. Georgs-Kapelle an das Bild der alten Rostocker Straße.  Als über Woggersin nach (Alten-)Treptow führenden Damm gab es den Weg entlang der bereits 1415 erwähnten Hopfenburg bereits im Mittelalter. Bebaut wurde er allerdings erst nachdem die Stadt 1870 dem Bürger-Hospital-Verein vertraglich St. Georg überließ. Nachdem sich heute an Stelle von Büngers Garten, ein 1875 erstmals erwähntes Ausflugslokal am Treptower Damm, das Hotel Jahnke erhebt, dürfte die Villa des Schlachthofdirektors aus dem Jahr 1898 das älteste Haus vor Ort sein. Die Moncke-Villa wurde kurz nach 1900 durch Mauermeister Ringel und Zimmermeister Seegert gebaut, kurz bevor aus dem Treptower Damm 1906 die Rostocker Straße wurde. Die 2012 restaurierte Nummer 30 wurde als Wohnhaus mit Schmuckfassade zur Straßenseite und Fachwerkwand zum Hof in den 1920er-Jahren gebaut.

 

In diesem Zeitraum zwischen der Jahrhundertwende und den Goldenen Zwanziger Jahren dürfte auch die Bebauung auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstanden sein. Sie erstreckte sich zwischen einem nach Broda führenden unbefestigten Weg, der damaligen Brodaer Straße, und einer Gärtnerei sowie zwischen derselben und dem St. Georg-Areal.

 

Nachdem es 1977 erste Gespräche zwischen Johannes Chemnitzer als 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED und Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung zur Gründung einer akademischen Ausbildungsstätte für Lehrer in Neubrandenburg gab und das Sekretariat der SED-Bezirksleitung am 17. August 1978 einen Beschuss zur Errichtung einer Pädagogischen Hochschule fasste und auch Überlegungen zur Ansiedlung einer landwirtschaftlichen Hochschule angestellt wurden, rückte eine Neugestaltung der Rostocker Straße ins planerische Blickfeld.

 

Die Erschließungsarbeiten für ein Wohngebiet vor dem Treptower Tor würden sich mit Blick auf die klammen Kassen der Republik auf ein Minimum belaufen, da die Fernwärmeversorgung gesichert wäre und mit der Rostocker Straße ja auch eine zentrale Verkehrsanbindung vorhanden war, selbst wenn diese teilweise verlegt werden müsste.

 

Nachdem man Anfang der 1980er Jahre eine Reihe von Bedenken aus dem Weg räumte, wurden 1984/85 vorbereitende Maßnahmen für den Hochschulbau getroffen. Der begann 1986. Nur aufgrund der direkten Protektion Margot Honeckers wurde es möglich, Baukapazitäten anderenorts in der DDR abzuerziehen und auf den Bau der neuen Hochschule zu konzentrieren. Um Plantreue zu verkünden, wurde im Herbst 1988 erst das Institut für Lehrerbildung eröffnet, eine aus Templin nach Neubrandenburg verlegte Ausbildungsstätte für Unterstufenpädagogen. Ein Jahr später folgte bei einem Besuch der „Miss Bildung“, wie die Ministerin im Volksmund auch genannt wurde, im gleichen Haus die Hochschuleröffnung.

 

Während in der neuen Hochschule auf die Erfolge der DDR und ihrer Bildungspolitik angestoßen wurde, regte sich vor der Tür erster Bürgerprotest gegen die Bebauungspläne am Oberbach. Die Neubrandenburger schimpften ob der geplanten Senkung des Grundwasserspiegels , des  vorgesehenen Bodenaustausches im Bereich der Bleicherwiesen, die Fällung der alten Straßenbäume, die viel zu enge Bebauung mit viel zu hohen Häusern und den wenig sensiblen Umgang mit dem Denkmal St. Georg.

 

Bis an den Tollensesee und den Gätenbach sollten elfgeschossige Punkthochhäuser entstehen.

 

Dass diese Pläne keineswegs dem Willen der Neubrandenburger entsprachen, äußerte sich unter anderem in einer Stadtverordnetenversammlung Neubrandenburgs 1989, bei der eine Beschlussvorlage zur Rostocker Straße zum Durchwinken auf der Tagesordnung stand. Die Stadtverordnetenversammlung war plötzlich nicht mehr beschlussfähig. Ausdruck des Widerstandes war auch eine zunächst erfolglose Unterschriftenaktion.

 

Die „Freie Erde“ berichtete am 1. April 1989 – nicht als Aprilscherz, dass  noch im 40. Jahr der DDR die ersten 84 Wohnungen fertig sein sollen. Und obwohl erst im Oktober der Grundstein gelegt werden konnte, hielt man am Termin der Übergabe fest, wie ein Zeitungsbericht über das Ereignis am 10. Oktober unterstrich.

 

Stadtarchitektin Iris Dullin-Grund hatte sich laut Zeitungsbericht vom 26. Januar 1989 gegen eine Überarbeitung der Pläne gewehrt und sich „generell auf die auflagenlose Bestätigung des Wohngebiets durch das Ministerium für Bauwesen“ berufen und darüber hinaus Anfang April auf einer Veranstaltung des Kulturbundes am Stadtmodell sogar den Erhalt des zum Abriss bestimmten Altbaubestandes versprochen, doch mit den politischen Herbststürmen änderten sich die Verhältnisse. Ausdruck dafür ist die Verweigerung der Denkmalpflege von Anfang Dezember 1989 für die Baupläne entlang der Rostocker Straße. Die wurden dann auch Thema am Runden Tisch. Nachdem der am 29. Dezember 1989 über die dort vereinbarten Ergebnisse bezüglich der Rostocker Straße berichtet hatte, wurde das Bauvorhaben völlig überarbeitet.

 

Die Betonklötze der Neubrandenburger Stadtarchitektin wuchsen so nur bis ins sechste Geschoss wuchsen und in Seenähe verzichtete man ersatzlos auf die vorgesehenen Punkthochhäuser. Mit den veränderten Planungen entstanden weniger Wohnungen als ursprünglich geplant. Bei 1150 vorgesehenen Wohnungen hätten ursprünglich mehr als 3000 Neubrandenburger zwischen Oberbach und Rostocker Straße ein Zuhause gefunden.  1992 wohnten dort aber nur 2159 Menschen. Anfang vergangenen Jahres waren es 1937.

 

Die Nachrichten

Am Utkiek wohnt der Stasi-Offizier Carsten Zelewski (Henry Hübchen), der später vom Balkon in den Tod springt.
Am Utkiek wohnt der Stasi-Offizier Carsten Zelewski (Henry Hübchen), der später vom Balkon in den Tod springt.

Für den ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Paul Krüger gehören „Die Nachrichten“ nicht zu den Lieblingsfilmen, obwohl der Streifen mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle drei  Jahre nach seinem Amtsantritt zu  großen Teilen in Neubrandenburg gedreht wurde. Der von Matti Geschonneck inszenierte  Film und die von Kameramann Wedigo von Schulzendorff eingefangene Kulisse einer grau wirkenden, tristen und öden ostdeutschen Provinzstadt widerspiegelt nicht das Bild der Stadt mit dem der OB gern für Neubrandenburg wirbt. Er sieht seine Stadt gern durch die Backsteinbrille mit den vier einzigartigen Toren, der Stadtmauer, dem Franziskanerkloster oder der Konzertkirche bzw. als wirtschaftlich boomendes  Zentrum einer sich mit Szczecin überschneidenden Metropolregion. Sowohl in Bezug auf das Bruttoinlandprodukt, die Arbeitsplatzdichte als auch die Pro-Kopf-Steuereinnahmen nimmt die von ihm sein 2001 verwaltete drittgrößte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns einen führenden Platz in ganz Ostdeutschland ein.

 

Heute.

 

Vor 22 Jahren, 1995, dem Handlungsjahr des gleichnamigen Romans von Alexander Osang, auf dem der Film beruht, sah es anders aus. Neubrandenburg, von den SED-Oberen ausersehen, ein wirtschaftliches und politische Zentrum mit 100.000 Einwohnern im Norden der DDR zu werden, hatte gut 10.000 seiner Bewohner verloren und fast wieder die Einwohnerzahlen erreicht, der Romanautor aus seiner Jugendzeit kannte. Alexander Osang hat 1978 in Neubrandenburg gelernt, Instandhaltungsmechaniker beim VEB Wasserwirtschaft und Abwasserbehandlung.  Dass die von ihm geschilderte Stadt so wirkt, wie sie im Film rüber kommt, hat etwas mit der Zeit und den Tagen zu tun, die er erlebte. Neubrandenburg kannte er nur montags bis freitags. Dann saß er „auf den Entstörungsfahrzeugen der Wasserbetriebe, mit denen wir Havarien beheben sollten. Die Kollegen redeten nicht viel, tranken aber gern. Im Winter parkten sie ihren Laster oft in einem schlecht einsehbaren Waldstück, um dort den ganzen Tag Skat zu spielen und Schnaps zu trinken. Ihr Lieblingsschnaps war ‚Timm’s Saurer‘. Freitag früh kauften wir ihnen eine Flasche, damit sie uns früher nach Hause ließen.“ Auch wenn  er bei seinen letzten Besuchen nicht den Eindruck hatte, dass Neubrandenburg zur Boomtown werden würde, er liebt Neubrandenburg. Er zählt sie sogar neben Berlin, Leipzig und New York zu den vier wichtigsten Städten seines Lebens. In Neubrandenburg wurde er, wie er erzählt, zum Mann. Hier hatte er seine erste Freundin. Hier hat er seine Fahrschule gemacht. So etwas vergisst kein Mann.

 

Und der fast Ex-Oberbürgermeister Paul Krüger kann sich trösten: Als 2004 die Dreharbeiten in Hamburg, Berlin, auf Sylt sowie in und um Neubrandenburg herum stattfanden, war es dem Filmteam mancherorts in der Stadt schon zu modern.  Mit neuen Schildern hat es den Bahnhof von Pasewalk vorübergehend zum Bahnhof von Neubrandenburg erklärt. Wer hier am Drehtag privat aus dem Zug stieg, stoppte verwirrt und musste aus dem Bild gebeten werden.

 

Auf dem Datzeberg wurde der Dreh zu einem kleinen Medienspektakel, wie man der „Berliner Zeitung“ vom 6. November 20004 entnehmen kann: „Am Utkiek heißt die Neubausiedlung in Neubrandenburg, Am Ausguck. Hinter den Blöcken öffnet sich ein weiter, schöner Blick in die Landschaft. Heute gucken die Leute von ihrem Balkon den Dreharbeiten zu. Es ist Montagvormittag, und viele sind zu Hause. Einige sind aus ihren Wohnungen heruntergekommen, als das Filmteam aufgebaut hat. Den ganzen Tag Sprühregen, Hosenbeine knattern wie Fahnen im eisigen Wind. Die Zaungäste stehen mit nackten Armen da, als ob sie unempfindlich gegen alle Zumutungen wären. […] Die Zuschauer haben von dem Roman „Die Nachrichten‘ nichts gehört. Sie können heute den Autor sehen. Er spielt mit, auf Wunsch des Regisseurs wird es ein Auftritt, der in der Branche ‚kleines Fach‘ heißt: Osang kommt aus einer Haustür und sagt ‚Tach! ‘ zu Kockisch und Liefers. Dreizehnmal muss er das machen, bis alles passt. Man hat ihm eine fliederfarbene Steppjacke und eine Wollmütze gegeben, in seinem Leinenbeutel schlagen leere Flaschen aneinander. " Die Szene spielt 1995. Da hat Alexander Osangs Romanfigur, der Ostberliner Jan Landers, im Westen Karriere gemacht. Er ist Sprecher der Abendnachrichten und steht kurz vor der nächsten Beförderung. In Margarethe (Nina Kunzendorf) findet er eine Freundin aus der Hamburger Highsociety. Doch als eine ehrgeizige „Spiegel“-Reporterin (Dagmar Manzel) und ein versoffener brandenburgischer Lokalschreiber (Uwe Kockisch) seine Vergangenheit durchforsten, kommt das Gerücht auf, er habe zu DDR-Zeiten für die Stasi gespitzelt…

 

Der Film, den der OB nicht als gute Werbung für Neubrandenburg sieht, wurde u.a. mit dem Deutschen Fernsehfilmpreis, dem Adolf-Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet. Und wer weder den Roman oder den Film kennt, beides ist (noch) erhältlich, als Taschenbuch bzw. DVD.

 

Der versoffene NAZ-(Neubrandenburger Allgemeine Zeitung)-Reporter Thomas Raschke (Uwe Kockisch) im Trikot der BSG Post Neubrandenburg.

 

Jan Landers (Jan Josef Liefers) hat nach der Wende Karriere gemacht und soll Chef der Nachrichten werden, als er unter Stasi-Verdacht gerät.                                                           Fotos (2): TV-Spielfilm

 


Ein Stadtteil mit Bergbautradition

Das Gutshaus Fritscheshof während seiner Sanierung
Das Gutshaus Fritscheshof während seiner Sanierung

Das unter Denkmalschutz stehende Gutshaus im Fritscheshofer Hauerweg hat Rüstung angelegt. Nach fast 150 Jahren lässt sich der rote Klinkerbau für die Zukunft herrichten. Am 28. Juli 1873 „geruhte“ seine Königliche Hoheit, Großherzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz, dem auf der Neubrandenburger Feldmark gelegenen Gehöft des Herrn Fitsche den Namen „Fritscheshof“ beizulegen.

 

Besagter Fritsche gehörte wie der Brauereibesitzer und Vierrademühlen-Pächter Franz Moncke, der Kornhändler und Fuhrunternehmer Carl Tiedt oder der Advokat Loeper zu den Neubrandenburgern, denen es mit der 1865 erfolgten Separation der Feldmark, einer Flurbereinigung, erlaubt war, ihre Ackerflächen künftig von einem Ausbau aus zu bewirtschaften. Ihre zuvor verstreut liegenden Ackerstücke waren in einem Jahre währenden Prozess, bei dem es um die Ablösung der allgemeinen Weide- und anderer Rechte sämtlicher Bürger der Viertorestadt ging, zu größeren Komplexen am Rande der städtischen Feldmark zusammengefasst und ihnen zusammen mit neuem Land, als Entschädigung für alte Rechte, als Eigentum zugewiesen worden.

 

Jeder Hufenbesitzer bekam Grundbesitz, dessen Güte durch die Güte des Bodens mitbestimmt war. Letzteres erklärt, warum nun auf dem Küssower Schlag liegenden Besitz Fritsches eine Ausnahme gemacht wurde. Statt, wie in der Separationsurkunde festgelegt, maximal acht Hufen durfte er von seinem Ausbau zehn bewirtschaften. Quarzsande – heute die Geschäftsgrundlage der Quarzsandwerk Neubrandenburg GmbH & Co. KG – bringen nun einmal keine hohen Bodenwerte. Sie gestatten auch keine großen Erträge.

 

Bis zur Bodenreform hatte Fritscheshof sechs Eigentümer. Dem Namensgeber folgte 1890 Ludwig Nürnberg. Zwei Jahre folgte Friedrich Kortüm, der rund zwei Jahrzehnte die Geschicke des Gutes bestimmte und erst zur Jahrhundertwende Mecklenburg-Strelitzer Staatsbürger wurde. Unter Friedrich Kortüm wurde aus dem Gehört das Stadtgut Fritscheshof, wobei sich die Einwohnerzahl innerhalb von sieben Jahren verfünffachte, von 13 im Jahr 1907 auf 60. Von der positiven Wirtschaftsentwicklung profitierte auch der nachfolgende Besitzer Georg Schröder. Er bat 1921 den Rat der Stadt um eine Ausnahmegenehmigung. Er wünschte die Befreiung von den Auflagen der Separationsurkunde, nach der er nur zehn Hufen von Fritscheshof aus bewirtschaften durfte. Er erhielt den Dispens und vergrößere die Feldwirtschaft von 128 auf 168 Hektar. Während Schröder den Acker kaufte, pachtete Major a.D. Hans Becker, der letzte Besitzer Fritscheshof weitere 25 Hektar hinzu, um die Viehwirtschaft zu stärken.

 

Nach der Bodenreform ging die Entwicklung von Fritscheshof eng mit der Umsetzung des Befehls 209 der Sowjetischen Militäradministration einher, der den Bau von Neubauernhäuser regelte. Ursprünglich sollten in den vier „Dorfgemeinden“ der Stadt (Küssow, Monckeshof, Carlshöhe und Fritscheshof“ nur zwölf Siedlungen entstehen. 1948 standen aber 36 auf der Liste. Deren Bau, bis Mitte 1948 waren davon neun zu mehr als 75 Prozent fertig, fünf zu 50 bis 75 Prozent, vier zu 25 bis 50 Prozent und sieben von ein bis 25 Prozent fertig, hemmte auch den Wiederaufbau Neubrandenburgs. Daher wurde die Stadt Ende 1948 aus der Verantwortung für das Neubauernbauprogramm entlassen. Verbunden war das mit weiteren Bauverzögerungen auf den alten Stadtgütern.

 

Nachdem 1952 auch dort die Kollektivierung der Landwirtschaft auf die Tagesordnung gesetzt wurde, flohen in den Folgejahren immer mehr Bauern in den Westen. In Fritscheshof konnte das „Ausbluten“ durch die Ansiedlung entlassener Arbeiter aus dem Uranbergbau der SDAG Wismut gestoppt werden. Die sozialistische Geschichtsschreibung  machte daraus das Heldenepos von den Industriearbeitern die ihre gesicherte Existenz aufgegeben haben und aufs Land zogen. In Wirklichkeit wurde damit nur einer Gruppe von Arbeitslosen Bergleuten aus Johanngeorgenstadt die Möglichkeit gegeben, ein Auskommen zu finden. Im Erzgebirge bot für sie aufgrund der intensiven Modernisierungsmaßnahmen bei der SDAG Wismut keine Chance auf einen neuen Arbeitsplatz.

 

1956 wurde in Fritscheshof der Bau der ersten Häuser für die Wismutkumpel begonnen. Im März 1957 gründeten sie die LPG „Wismut“. Im gleichen Jahr erfolgte der Anschluss des Dorf-Stadtteils an die zentrale Trinkwasserversorgung Neubrandenburgs. Und im August wurde mit Hilfe der MTS Chemnitz die erste der Genossenschaft eingebrachte. Hörte die LPG „Wismuts“ in Fritscheshof auf zu bestehen. Auf einem Teil ihres Ackerlandes entstanden Häuser der Oststadt. Auf dem anderen begann 1990 der Quarzsandabbau. An die „Bergbaugeschichte“ des Stadtteils erinnern nur noch Straßennamen wie Hauerweg, Erzgang oder Füllortweg.