Das erste Auto in der Stadt

Der 1860 fertig gestellte Speicher wurde 2004 durch Webasto saniert.
Der 1860 fertig gestellte Speicher wurde 2004 durch Webasto saniert.

Dem Unternehmer war es meistens selbst vorbehalten, das Fahrzeug zu steuern. Sein alter Prokurist wehrte sich mit Händen und Füßen, die kleinste Fahrt in dem Ungetüm zu unternehmen. Nach seiner Ansicht war das Auto viel zu gefährlich. Das galt nichts für Tiedts Frau Elsabe, die auf dem Foto mit ihrer Enkelin hinten im Fond Platz genommen hat, und erst recht nicht für den den ersten Autobesitzer der Stadt.

Max Tiedt war ein begeisterter Autofahrer. So war es für ihn auch keine Frage, seinem Freund, dem Landesherrn, zu folgen und sich dem 1912 in Schwerin gegründeten Großherzoglichen Mecklenburgischen Automobilclub anzuschließen. Er wurde Mitglied der Sektion Neubrandenburg. Sein Ausweis trug die Nummer 30.

Max Tiedt war jeglichem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen. Die Weltläufigkeit des Neubrandenburgs resultierte aus seiner soliden Ausbildung im Familienunternehmen, bei Getreidehändlern und Banken in ganz Deutschland sowie einer mehrjährigen Tätigkeit an der Getreide-Weltbörse in Chicago. Nachdem er 1899 das Familienunternehmen in der mecklenburgischen Provinz übernehmen musste, modernisiere er zuerst den von seinem Großvater Hans Georg Tiedt außerhalb der Stadtmauern errichteten Speicher. Er ließ Elevatoren (Stetigförderer) einbauen und eine amerikanische Telefonanlage installieren. Die verband sein Büro mit dem Whnhaus der Familie gegenüber dem großherzoglichen Palais in der Innenstadt. Von den Landwirten der Umgebung wurde dieses technische Wunder ebenso bestaunt wie 1923 die von seinem Sohn Carl Jacob Tiedt in Betrieb genommene Radioempfangsanlage. Mit der konnte die 1815 gegründete Firma Tiedt Kurse von der Börse empfangen und war so der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus.

 

Das richtige Gespür für die Neuerungen der Zeit hatte bereits Jahrzehnte zuvor Hans Georg Tiedt bewiesen. Im Wissen über den zukünftigen Verlauf der Bahntrasse durch Neubrandenburg, die Hamburg mit Stettin verbinden sollte, hatte er große Flächen in diesem Bereich erworben und 1847 mit dem Bau eines 2500 Kubikmeter großen Speichers begonnen. . Die städtischen Behörden waren gegen Tiedts Projekt, einen Getreidespeicher mit einer Lagerfläche von 2500m³, vor der Stadt zu erbauen, da er für die etwa 100 Scheunen, die ebenfalls vor der Stadtmauer lagen, Konkurrenz darstellte. Sie konnten es aber nicht verhindern.

 Nachdem 1857 durch eine Kommission die exakte Planung der Bahntrasse von Güstrow nach Neubrandenburg feststand, überließ er der Bahn das an seinen Speicher angrenzende Land unter der Bedingung, dass sie die von Tiedt benötigten Waggons kostenlos an- und abtransportiert.

Mehr als 75 Jahre versuchten die Eisenbahnunternehmen aus dem für sie ungünstigen Vertrag herauszukommen und stritten vor den Gerichten mit den Tiedts. 1924 entschied das Reichsgericht dann endgültig gegen Reichsbahn und Reichsverkehrsminister und für die Familie, die bis 1953 ihre Handelsfirma weiter betreiben konnte, ehe sie enteignet wurde.

 

Heute ist der Tiedt’sche Speicher ein von der Webasto AG saniertes Industriedenkmal, ein Bürogebäude, in dem unter anderem die Entwicklungsabteilung des Unternehmens untergebracht ist. Der Automobilzulieferer Webasto entwickelt und produziert komplette Dachsysteme sowie Heiz-, Kühl- und Lüftungssysteme unter anderem für Opel und bietet darüber hinaus auch Standheizungen und Schiebedächer zur Nachrüstung an.