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Gottesmehl & Kirchenstaub

Die Mulden in den Wändern der Konzert- und der Johanniskirche, die meisten gibt es an den Südsiten und in der Nähe von Türen und Toren, fallen nur den wenigsten Passanten auf. Die Schälchen und Näpfchen , wie die kreisrunden Spuren im Backstein genannt werden, die auch in anderen europäischen Städten an sakralen Bauwerken zu finden sind, gaben Rätsel auf.

Die Interpretationen dieser Spuren im Stein sind sehr unterschiedlich. Sehr wahrscheinlich scheint die These, dass die runden Vertiefungen mit einem Durchmesser von zwei bis viereinhalb und einer Tiefe bis zu zwei Zentimetern eher eine mythologische Bedeutung haben und der Gewinnung von Steinstaub für fragwürdige Heilmittelchen dienten. Entstanden sind die Vertiefrungen sehr wahrscheinlich mit drehenden Münzen.

 

Dem beim Drehen gewonnenem feinen Steinpulver wurde schon in vorchristlicher Zeit eine magische Wirkung zugeschrieben. Ein Brauchtum oder Aberglaube, der sich auch im strenggläubigen Mittelalter hielt.

Karl Walter Eitelmann ist in Deutschland Experte auf dem Gebiet von Wetzrillen und Näpfchen. In einer seiner Schriften ist zu lesen: „Steinsandentnahme durch Steinschaben und Wetzen erbrachte Heilsand, Heilerde oder Kirchenstaub. Das so gewonnene Steinmehl diente als Wundermedizin oder Talisman zur Heilung von Mensch und Tier. Man wetzte an Kirchen, Kreuzen und Grabsteinen von Heiligen, vermengte das Steinpulver mit Wasser und trank dann dieses Gemisch selbst oder gab es dem kranken Vieh zu trinken. Um gewisse Leiden zu heilen, hat man dem Steinsand Fett hinzugefügt und damit kranke Körperteile eingerieben.