Unfähig, das weite Herz zu beschränken

1873 wurde das Rettungshaus Bethanien in Rattey ein Opfer der Februar-Stürme.
1873 wurde das Rettungshaus Bethanien in Rattey ein Opfer der Februar-Stürme.

Vor 103 Jahren zog das 1851 in Rattey durch Adolph und Bertha von Oertzen gründete Rettungshaus „Bethanien“ in einen Neubau auf Neubrandenburgs Kupfermühlenberg, wo bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren sozial gefährdete Jungen und Mädchen auf der Basis des christlichen Glaubens so erfolgreich betreut wurden, dass die Neubrandenburger nach und nach dem Berg den Namen gaben, den heute jeder Viertorestädter kennt: Bethanienberg.

 

 

Mehr als 700 Briefe schrieb Bertha von Oertzen vor mehr als 160 Jahren, um Spenden für den Bau des ursprünglichen Rettungshauses und dessen Betrieb auf dem Familiengut bei Friedland zu sammeln. Aus 122 Orten des Mecklenburg-Strelitzer Großherzogtum erhielt sie Unterstützung für das Vorhaben. Auch wenn sie und ihr Mann in den folgenden Jahren immer wieder Spenden für den Unterhalt des Hauses erhielten, den größten Teil der Kosten musste der Gutsbetrieb in Rattey, Charlottenhof, Adolphseck und Brohm aufbringen. Als Adolph von Oertzen 1867 starb, stellte sich  schnell heraus, dass die Ausgaben zu groß und die Einnahmen zu klein waren und der Gutsbesitz das Rettungshaus nicht länger tragen könne. Dazu kam, dass es kein Testament gab und sich jeder als Erbe als Besitzer fühlte und die meisten auch so handelten.

 

Luise von Voss, eine Tochter, schreibt in ihren Aufzeichnungen: „Ach die Söhne. Die Güter können das Geld für ihre Bedürfnisse nicht hergeben. Denkt denn keiner von ihnen daran, das Erbe der Väter als heiliges Vermächtnis zu wahren. […] Wie oft hat er gesagt: ich drehe mich im Grabe um, wenn die Güter verkauft werden müssen.“ Adolph von Oertzen hatte drei minderjährige Jungen hinterlassen, so dass die Erbauseinandersetzung aufgeschoben werden musste. Die Zeit nutzte Witwe. Auf ihr Betreiben gründete Großherzog Friedrich Wilhelm in Neubrandenburg ein neues Heim, dessen Neubau am 19. Juli 1872 am Sonnenkamp eingeweiht wurde und das auch die Ratteyer Schützlinge aufnahm. Gerade noch rechtzeitig, denn 1873 brachten Februar-Stürme das alte Rettungshaus auf dem Land zum Einsturz.

 

 

Viele Neubrandenburger kennen das erste Bethanien-Heim in der Stadt ohne zu wissen,  dass es dies war. Vor seinem Abriss, der Platz für zwei Stadtvillen machte, war es unter anderem Sitz der Grünflächenabteilung der Stadtverwaltung. Doch auch wenn das geschichtsträchtige Gebäude aus dem Stadtbild verschwand, erfüllen Abbruchsteine des Gebäudes weiter einen sozialen Zweck. Aus ihnen wurden im Interkulturelen Garten des Soziokulturellen Bildungszentrums (SKBZ) am Reitbahnsee zwei Hochbeete, an denen kleine Kinder unter Anleitung das Gärtnern lernen.

 

 

Zum 150. Jahrestag der Gründung eines weiteren Rettungshauses, eines für Mädchen, würdigte das Schlosshotel Rattey durch die Einweihung einer Stele das diakonische Wirken von Adolph und Bertha von Oertzen. Mit Recht wurde dabei das Engagement des Paares gewürdigt, das immerhin die ersten Jugendhilfeeinrichtungen in der Region ins Leben rief, das 1843, nur drei Jahre nach dem Aufruf von Friedrich Fröbel, des Urhebers der Kindergartenidee, „Kleinkinderschulen“ in Rattey und Brohm gründete, dass das Personal dafür selbst ausbildete und den Frauen die Arbeit für das Gut am Samstagnachmittag erließ. Und zu Recht wurde die „Mutter Bathaniens“ dabei als treibende Kraft herausgestellt. Doch zur Wahrheit gehört auch die andere Seite der Medaille. Bertha von Oertzen hat mit ihrer aus heutiger Sicht fast krankhaft wirkenden  Frömmigkeit   und ihrem daraus resultierenden christlichen Engagement zur Zerrüttung des Besitzes und der Familie beigetragen. Das Denken ihrer Kinder hat sie mit ihrem Vorbild und Erziehungsgrundsätzen in deren zunehmenden Alter nicht mehr erreicht. In den Aufzeichnungen ihrer Tochter Luise von Voss heißt es: „Das Geld hatte für die Mutter, als der rechten Tochter ihres Vaters, gar keinen Wert. Nur haben, um zu geben. Aber wenn die Güter ihre Zinsen nicht flüssig machen konnten, wie war sie dann so angst erfüllt ihren Verpflichtungen nicht nachkommen zu können.“ Nach dem Tod des Vaters notierte Luise: „ Die arme Mutter musste viel hören über ihre Unfähigkeit, das weite Herz, die offene Hand zu beschränken.“  Doch nicht nur Kritik musste sich Bertha von Oertzen anhören. Als ihr Sohn Karl, Kammerherr des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, der als Drost, das heißt oberster Verwaltungsbeamter, in Mirow tätig war, mit seiner Familie als Erbe das Herrenhaus in Rattey bezog, musste sie weichen. Sie zog mit ihrer Tochter Adelheid nach Neubrandenburg. Ihr Schwiegersohn Oberst Werner von Seeler, Flügeladjutant von Großherzog Friedrich Wilhelm hatte ihr dort ein Haus ausgewählt. „Es lag in einem Gärtchen am Wall --- Visasvis die köstlichen Eichen mit ihrem fröhlichen Vogelgezwitscher.“ Bertha wollte jenseits der Eisenbahn, aber nicht direkt in der Stadt wohnen. Aber Neubrandenburg wurde ihr keine Heimat mehr. Sie suchte kaum das Bethanien-Heim oder ihre Freunde auf. Sie zog sich völlig zurück und stellte sogar ihre Spaziergänge ein. Und dann musste sich auch noch einmal umziehen, weil das Haus am Wall verkauft werden musste und sie gekündigt wurde. Ihre letze Adresse fand sie am 25. September 1884 in der Treptower Straße. Keine vier Monate später starb sie im Alter von 73 Jahren.

 

Heute fördert der Evang.-Luth. Kirchenkreis Mecklenburg als Rechtsnachfolgerin des von den Nationalsozialisten enteigneten Hauses Bethanien mit seiner Bethanienstiftung Projekte für sozial benachteiligte und individuell beeinträchtigte Kinder und Jugendliche.