Neubrandenburger "verkaufte" Fritzing

Buchhändler und Verleger Carl Brünslow
Buchhändler und Verleger Carl Brünslow

Bismarck nannte ihn einen „auserwählten Volksdichter“ und Thomas Mann bekannte, für seine Buddenbrocks bei ihm gelernt zu haben. 2010 feierte Mecklenburg-Vorpommern den 200. Geburtstag seines (National-)Dichters. Zwischen 1856 und 1863 lebte der in Neubrandenburg und verbrachte hier nach eigenen Aussagen seine schaffensreichsten Jahre. Dann kehrte der Dichter auf Wunsch seiner Frau der Viertorestadt den Rücken und zog nach Eisenach.

Die Neubrandenburger haben ihren Fritze Reuter aber nie aus den Augen verloren. Schon 1887 erschien in der "Neubrandenburger Zeitung" ein Spendenaufruf zur Errichtung eines Reuterdenkmals. Das wurde 1893 eingeweiht. Im selben Jahr spendierten Mecklenburger Auswanderer ihrem Heimatdichter im Chicagoer Humboldt-Park ebenfalls eines, abgespart vom Mund und aufgestellt in der Nähe von Goethe und Schiller (!).

 

Zum 200. Reuter-Geburtstag wurde im Neuen Tor eine Ausstellung zum 200. Geburtstag des Reuter-Verlegers Carl Hinstorff gezeigt. Bei vielen Reuter-Lesern weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass die Verlagsrechte an Reuter einst nach Neubrandenburg gehörten.

 

Wie der Neubrandenburger Carl Brünslow Reuter an Hinstorff verlor, überlieferte der Buchhändler und Schriftsteller Ulrich Meyer vor in seinem 1923 veröffentlichten Buch „Der Meister und sein Schüler“.  Das war vor 90 Jahren.

 

„Brünslow hatte die Läuschen und Rimels in Verlag genommen. Mit dem Absatz dieses Erstlingswerks des damals noch unbekannten Dichters ging es aber recht schlecht. Das von Brünslow in das Geschäft gesteckte Geld schien verloren.  Da war eines Tages Hinstorff aus Wismar zu Besuch gekommen. Der verlegte den  erfolgreichen Voß- und Has-Kalender und kam viel in Mecklenburg herum. Den bearbeitete Brünslow und brachte es schließlich fertig, ihm die Vorräte der Läuschen und Rimels nebst dem Verlagsrecht zu einem Preise zu verkaufen, der die gehabten Auslagen mehr als reichlich deckte. Brünslow ließ dem Kollegen nichts von der inneren Befriedigung über dies Geschäft merken. Als Hinstorff aber wieder abgereist war, ging Brünslow am Abend selbigen Tages in den Ratskeller, wohin er auch seine nächsten Freunde geladen hatte. Denen gab er ein kleines fröhliches Fest. ‚Kinnings, ich will Jug wat seggen: ik heff hüt Fritzing Reutern sin ollen Schitkram Hinsdörpen upsnackt, un ik sall nu all min Geld wedder hebben. Dat ist sunnen Geld, dor möten wi eens up drinken.‘ Und alle freuten sich mit ihm und tranken gern von des Kellerwirtes gutem Rotspon, den Vater Brünslow behaglich lächelnd bezahlte…“

 

1859 war das.

 

Die Brünslowsche Hofbuchhandlung wurde am 4. September 1821 als Zweiggeschäft der Ludwig Dümmlerschen Buchhandlung in Neustrelitz begründet und von Carl Brünslow am 1. November 1842 käuflich erworben und unter seinem Namen fortgeführt.

 

Carl Brünslow, der auch Meister vom Stuhl der Neubrandenburger Freimaurerloge war und dessen 200. Geburtstag das vielfach geschichts(un)bewusste Neubrandenburg 2011 „vergessen“ hat, wurde am 3. November 1811 in Stralsund als Sohn des Zollinspektors Ludwig Brünslow geboren. Er trat mit 16 Jahren in die Triniussche Buchhandlung seiner Heimatstadt als Lehrling ein, um nach kurzem Aufenthalte in Berlin zu Dümmler nach Neustrelitz zu gehen.

 

1860 wurde Wilhelm Blauert als Teilhaber in der Firma von Carl Brünslow. Nach dessen Tod am 8. März 1883 verkaufte seine Witwe das Geschäft an Max Schorss und Emil Brückner. Letzterer erhielt das Prädikat „Hofbuchhändler“ und war ab 1. Dezember 1888 alleiniger Inhaber des Unternehmens. Emil Brückner hat es verstanden, den pädagogischen Verlag der Firma, der neben dem Sortiment gepflegt wurde, auf einheitlicher Grundlage ruhend erheblich auszubauen.