Als Neubrandenburgs Industrie in ihren Kinderschuhen steckte

Der 1860 fertig gestellte Speicher der Familie Tiedt an der Demminer Straße kann als Keimzelle der Neubrandenburger Industrie angesehen werden. Er gehört heute zu Webasto.
Der 1860 fertig gestellte Speicher der Familie Tiedt an der Demminer Straße kann als Keimzelle der Neubrandenburger Industrie angesehen werden. Er gehört heute zu Webasto.

Mirowkesen und Industriekapitäne

Als er jung war, spottete der Alte Fritz 1736 über seine Mecklenburg-Strelitzer Nachbarn. Herzog Karl, der Prinz von Mirow, und seine Familie waren für ihn die Mirowkesen. Sie waren für den Preußenprinz so bizarr wie die mit den Engländern verbündeten Irokesen in ihren amerikanischen Kolonien, von denen Friedrich sicher gehört hatte, waren sie doch gerade von den Briten zum Wortführer bei ihren sämtlichen Verhandlungen mit den Indianern gemacht worden.

 

Im Jahr 1736 einigten sich Beamte der Kolonie Pennsylvania und der Große Rat der Liga, eines Zusammenschlusses von sechs großen Stämmen, darauf, dass die Irokesen bei sämtlichen Verhandlungen zwischen Indianern und der Kolonie als Wortführer fungieren sollten.

 

Heute sind Berge, Häfen, Städte und Gemeinden, ja ganze Landkreise nach einer Mirowkesin benannt. Herzog Karls Tochter Sophie Charlotte wurde 1763 Königin von Großbritannien, Irland und Kurfürstin von Hannover.

 

Der schottische Historiker und spätere Rektor der Universität von Edinburgh übermittelte Mitte des 19. Jahrhunderts uns die Geschichte mit den Mirowkesen. Er prägte aber auch mit Blick auf Amerikas Wachstum als Industriemacht das Wort Industriekapitän. Einen Mecklenburger hatte er dabei nicht ins Auge gefasst, obwohl die Staaten gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum gelobten Land für eine Flut von Mecklenburger wurden. Von schätzungsweise 180.000 Männer, Frauen und Kinder, die in dieser Zeit die Fahrt nach Übersee antraten, kamen zwischen 16.000 bis 20.000 aus dem Land Stargard, dem Kerngebiet des Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz, der unmittelbaren Heimat von Queen Charlotte.

 

Es waren vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Mecklenburger  die Heimat verlassen ließen, um Auskommen, Freiheit und Wohlstand jenseits des Landes zu suchen, in dem die Welt 50 Jahre später untergehen würde, wie Bismarck zu der Zeit einmal gesagt haben soll.

 

Die USA erlebten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade ihre industrielle Revolution. In dieser Welle der Industriealisierung stiegen die USA zur führenden Industriemacht auf.  Allein das Eisenbahnnetz wuchs in 30 Jahren von 53.000 auf 200.000 Meilen und war damit größer als alle Eisenbahnnetzte der Welt zusammen. Namen wie Edison, Carnegie, Rockefeller, Morgen oder Bell prägten von nun an die Geschichte der ehemaligen britischen Kolonien.

 

1876 meldete Alexander Graham Bell das Telefon zum Patent an. Ohne ein funktionierendes Modell zu haben. Zwei Jahre später wurden in New York die ersten Telefone installiert. Eines bei dem ehemaligen Württemberger Karl Pfizer.

 

Viele blaue Smarties. Männer wissen wovon die Rede ist.

 

Das erste Telefon

 

Während die USA auf Fortschritt gebürstet waren, schlossen sich die Neubrandenburger nachts noch in ihren mittelalterlichen Mauern ein. Erst als sich 1863 die Stahlrösser der Friedrich-Franz-Eisenbahn auf Schienen den vier Toren näherten, ergab sich der Magistrat der Stadt und ließ nachts nicht mehr die Tore verrammeln. Doch die Kapitulation der Stadtobrigkeit war nur halbherzig.

 

Telefone gab es schon seit mehr als zwei Jahrzehnten, als im Rathaus über eine öffentliche Freisprecheinrichtung nachgedacht wurde. 1898 ging sie mit 16 Anschlüssen in Betrieb. Die Teilnehmer wurden für den Sprechverkehr mit Schwerin, Rostock, Warnemünde, Wismar, Güstrow, Ludwigslust, Neustrelitz, Berlin mit Vororten, Hamburg, Altona,  Bergedorf, Blankensee, Harburg, Schiffsbeck, Wandsbeck, Lübeck, Travemünde, Wolgast, Swinemünde, Bergen, Putbus, Saßnitz, Barth, Demmin und Stargard in Pommern zugelassen.

 

Die Gebühr für ein bis zu drei Minuten langes Gespräch zwischen Neubrandenburg, Neustrelitz, mit Anklam oder Demmin kostete 25 Pfennig. Im Telefonverkehr mit anderen Orten musste eine Mark bezahlt werden.

 

Während das Polizeikollegium die Rufnummer 14 besaß und der Bahnhof die 13, konnte Lythall unter der Nr.10 erreicht werden. Die Rufnummer 1 gehörte Georg Moncke mit seiner Vierrademühle.

 

Alfred Lythalls Zeitgenosse und Betriebsnachbar, der Fuhrunternehmer, Getreidehändler und Gutsbesitzer Carl Christian Jacob Tiedt gehörte nicht zu den ersten 16 Inhabern eines öffentlichen Telefonanschlusses. Doch wie schon bei der Eisenbahn war Tiedt seinen Mitkonkurrenten voraus.  Bereits 1889 verband der Unternehmer mittels einer Telefonleitung sein Büro mit seinem großen Speicher an der Eisenbahnstrecke nach Güstrow.  Telefoniert wurde mit amerikanischer Technik. Der Speicher selbst war 1860 fertig gestellt worden, vier Jahre bevor der erste Zug daran vorbeifuhr. Tiedt hatte sehr früh erkannt, welchen Vorteil die Eisenbahn seinem Geschäft bringen würde. Woher auch immer, vielleicht war es auch nur der berühmte richtige Riecher, hatte er Wissen um das Eisenbahnprojekt, das Neubrandenburg betraf und für das erst 1857 die exakten Trassenplanungen begannen. Er kaufte eine Hufe Land und begann gut zehn Jahre bevor der exakte Trassenverlauf feststand, Neubrandenburgs größten Speicher zu bauen.

 

Mit Hilfe des Mecklenburg-Strelitzer Großherzogs Georg hatte er sich im Streit mit dem hiesigen Magistrat durchgesetzt. Die Ratsherren befürchteten, dass der Tiedtsche Speicher mit einer Kapazität von 60.000 Zentnern oder 2500 Kubikmetern eine Konkurrenz für die etwa 100 Scheunen darstellen würden, die vor den Toren der Stadt lagen, viele an der heutigen Woldegker Straße, die in ihrer Geschichte auch einmal den Namen Scheunenstraße trug. Nicht wenige der Scheunen gehörten den Ratsherren, deren Familien, Freunden oder Geschäftspartnern. Sie argumentierten, dass Neubrandenburg keine Industriestadt werden dürfte, derartige Bauten, wie der große Speicher, aber den Charakter der Stadt verändern würden.

 

Die Weitsichtigkeit Tiedt widerspiegelt sich auch in einen Vertrag, den er mit der Mecklenburg-Schweriner Bahndirektion abschloss als die Land für die Erweiterung der Gleisanlagen benötigte. Er schenkte ihnen das Gelände gegen die Verpflichtung für die Dauer des Bestehens der Firma Tiedt alle ein- und ausgehenden Waggons kostenlos zu rangieren, keine Anschlussgebühren zu berechnen und den Unterhalt des Gleisanschlusses zu übernehmen.

 

In den 1870er Jahren versuchte Carl Christian Jacob Tiedt eine Zuckerfabrik nach Neubrandenburg zu holen. Dafür bot er das ihm gehörende Land zwischen der Ihlenfelder Straße und der heutigen Demminer Straße kostenlos an. Der Neubrandenburger Magistrat lehnte wieder einmal dankend ab.

 

Tiedt war ein Industriepionier.

 

Die erste Mecklenburger Zuckerfabrik wurde 1871 in Groß Lüsewitz bei Rostock gegründet. Erst 1890 entstand in Mecklenburg-Strelitz eine Zuckerfabrik, in Friedland.

 

Das erste Auto

 

Ein Jahr später starb Carl Christian Jacob Tiedt. Mit seinem Sohn Max als Nachfolger an der Spitze der Firma fand er einen würdigen Nachfolger. Der Sohn kaufte im September 1898 die drei Jahre zuvor eröffnete Konservenfabrik an der Ecker der Fritz-Reuter -und Nordbahnstraße.  Als das Angebot an Frischgemüse für die Verarbeitung nicht ausreichend war und die Fabrik trotz ihrer in Malchin, Rostock und Parchim erworbenen Medaillen auf Gewerbeausstellungen für die Qualität ihrer  Gemüsekonserven in den Konkurs schlitterte, kaufte er die Fabrik für 36.000 Mark. Er wusste, dass sich deren günstige Lage unmittelbar an der Eisenbahn  für ihn auszahlen würde.

 

Nur einen Monat später meldete die Neubrandenburger Zeitung, dass „unsere Conservenfabrik von einer Leipziger Firma gepachtet worden“ sei. Statt Erbsen, Möhren, Bohnen, Kohlrabi, Spargel und anderem Gemüse wurde nun Quark verarbeitet und Plasmon hergestellt, ein Milcheiweißpräparat. Max Tiedt hatte Siebolds sächsischer Nahrungsmittel-Gesellschaft m.b. H. mit dem neuen Fabrikgebäude in exponierter Lage die besten Grundlagen für eine Produktionsverlagerung und -erweiterung geboten. Wenige Monate später kaufte Dr. Siebolds Unternehmen die Fabrik von Max Tiedt für 42.000 Mark und erwarb an der Fritz-Reuter-Straße ein weiteres Grundstück, um die Fabrik zu vergrößern. Die Zahl der Beschäftigten wuchs auf mehr als das Doppelte. Vor allem Frauen fanden einen Arbeitsplatz im Versand.

 

Max Tiedt hatte in einem Jahr 6000 Mark verdient, ein Profit von fast 17 Prozent.

 

Installierte sein Vater das erste Telefon in  Neubrandenburg, fuhr Max Tiedt 1904 das erste Auto in der Stadt, einen Opel. Mit dem konnte er schneller auf dem Land bei seinen Kunden sein. Er hatte den Vorteil der Mobilität für den Großhandel erkannt. Auch der Einbau von Elevatoren in den großen Speicher geht auf ihn zurück, wie auch der Aufbau einer Niederlassung in Waren an der Müritz.

 

Sein Sohn Carl Jacob, der 1922 die Geschäftsführung übernahm und die Firma durch die Inflation führte, heiratete 1923 Anneliese Moncke, die Tochter des Mühlenbesitzers Georg Moncke, die Tochter des Stadtverordnetenvorstehers von Neubrandenburg, der in der Zeit des Freistaates Mecklenburg-Strelitz mehrfach als Minister im Gespräch war, aber immer ablehnte.

 

Die erste Rundfunkempfangsanlage

 

Carl Jacob Tiedt, der 1928 das alte Familiengrundstück Turmstraße, Ecke Palaisstraße an Karstadt verkaufen musste, um eine langjährige Erbauseinandersetzung zu beenden, errichtete 1923, kaum dass der Deutsche Rundfunk geboren war, eine Funkempfangsanlage in seinem Kontor, mit denen er die sich fast stündlich ändernden Börsenkurse und Getreidepreise empfing, während seine Konkurrenten die Zeitungsmeldung des kommenden Tages abwarten mussten.

 

Vorsprung durch Technik zahlte sich für die Firma Tiedt wieder einmal in barer Münze aus.

 

Zwischen 1938 investierte Carl Jacob Tiedt noch einmal. Zum einen erwarb er in Wolgast einen Speicher mit Bahnanschluss, direkt am Hafen in Ostseenähe. Zum anderen musste er im Rahmen des vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgestellten Programms für den beschleunigten Bau von Getreidelagerräumen den Speicher in Neubrandenburg vergrößern und neben den staatlichen Bauzuschüssen dafür auch eigenes Geld einsetzen.  In Vorbereitung auf den Krieg sollten Unmengen Getreide eingelagert werden. Der neue Speicher war bomben- und brandsicher konstruiert worden.

 

Als 1939 der Krieg begann, wurde Carl Jacob Tiedt gleich am ersten Tag eingezogen. 1943 starb er in einem Lazarett in Frankreich.

 

Bis 1953 gelang es der Witwe Annelise Tiedt und ihrem aus amerikanischer Gefangenschaft zurück gekehrtem Sohn Max Georg die Firma durch die vielen wirtschaftlichen und politischen Wirren hindurch zu manövrieren. Dann setzte eine Verhaltungswelle ein, der die Familie aufgrund einer Warnung entging. Sie floh in den Westen. Die 1815 gegründete Firma wurde in Volkseigentum überführt.

 

 

Ich frage mich übrigens, ob nicht Carl Christian Jacob Tiedt, der den alten Speicher hier hat bauen lassen und der auch versuchte eine Zuckerfabrik in Neubandenburg auf die Beine zu stellen, Alfred Lythall nach Neubrandenburg lockte, aus dessem Unternehmen das heutge Webastowerk in Neubrandenburg hervorging. Carl Christian Jacob Tiedt kaufte im Auftrag seiner Kunden für größere Güter englische Dreschmaschinen und Lythall handelte ab 1880 in Halle damit. Wer weiß, möglich wäre es.