Vorhang auf!

Der Theatergraf - Roman in drei Akten

Der Theatergraf Carl von Hahn
Der Theatergraf Carl von Hahn

Das Buch des Demminer Autors Karl Schlösser endet mit den Worten: „Vom Theatergrafen gibt es kein Bild.“ Das mag für die Romanfigur des Franz Graf von Falk stimmen, nicht aber für dessen historisches Vorbild, Carl Friedrich Graf von Hahn. Auf der polnischen Webseite der Enzyklopädie Stettins, findet sich neben einer Biografie des 1782 in Remplin geborenen Adeligen auch sein Bildnis. Das dortige Theater stand 1821 unter der Direktion des Grafen.  Dessen eigene Schauspielgesellschaft begann dort am 7. Januar ihre Vorstellungen.

 

Karl Schösser wollte weder eine Biografie schreiben, noch dem Theater-Hahn ein Denkmal setzen. Und doch tat er es. Zum Glück für die Leser des Buches, denen er auch sprachlich ein plastisches, durchaus deftiges Lebens- und Sittenbild eines Außenseiters vermittelt, der sich im Roman mit  Haut und Haar der Kunst und den Frauen und im wahren Leben mit Haus (Schloss) und Haar dem Theater verschrieben hat.

 

Neubrandenburgs Bürgermeistertochter Clara Müller, eine Zeitgenossin des schauspielernden Mecklenburger Landmarschalls, die als Bestsellerautorin Luise Mühlbach bekannt wurde und mehr als 250 Romane verfasste, schrieb über Hahn, dessen Theaterleidenschaft fast sein nahezu fürstliches Vermögen kostete, dass seine nach einer Scheidung 1809 „ihrer Reichtümer beraubte Familie nun ganz nach Neubrandenburg“ übersiedelte „und der Theatergraf in die Welt wie Johann ohne Land [zog]“. In Neubrandenburg hatte er sich schon Jahre zuvor als Junggeselle im Stadthaus des Bürgermeisters Toll in der Kleinen Wollweberstraße gewohnt und sich bei „Bällen, Réunions (Treffen), Schlittenpartien“ ausgelebt. Die waren, wie eine ausgelassene „teuflische“ Schlittenfahrt mit einer Reihe von Gespannen und Teilnehmer in Höllenkostümen rund um die Marienkirche teilweise so derb, dass nur die Zahlung einer hohen Geldstrafe ihn vor persönlicher Haft bewahrte. Der Theatergraf fühlte sich vom Pastor Samuel Alban angegriffen, der öffentlich gegen dessen Theater- und Schauspielwesen gepredigt hatte.

 

Glücklich mit dem Roman von Karl Schlösser, der selbst eine Leidenschaft für das Theater hegt und zehn Jahre ein Amateurtheater seiner Heimatstadt leitete, dürften auch die Touristiker Mecklenburg-Vorpommerns sein, die, obwohl die Geschichte fiktiv ist, das Buch als Grundlage für  eine Reiseroute auf den Spuren des Theatergrafen nutzen könnten: Remplin, Schwerin, Greifswald, Stralsund, Anklam, Neubrandenburg … und grenzüberschreitend Stettin.

 

Die nicht nur durch zahlreiche Anekdoten, sondern nun auch durch den lesenswerten Roman „Der Theatergraf“ verfälschte Lebensgesichte des Grafen Carl von Hahn wartet ebenso auf eine Berichtigung wie sein künstlerisches Streben noch auf eine Würdigung. Sicher wäre das ein dankbares Thema für eine Bachelor- oder Masterarbeit an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Die böte dann möglicherweise – Stichwort Mäzenatentum – die eine oder andere Anregung für ihre Theaterpolitik des Landes und die durch sie in den letzten Jahren arg gebeutelten Theaterlandschaft im Nordosten Deutschlands.