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Nur die Friedenskirche gebaut?

Privatauftrag für einen Stararchitekten

Die Moncke-Villa um 1905. Der Haupteingang führte über eine hölzerne Treppe.
Die Moncke-Villa um 1905. Der Haupteingang führte über eine hölzerne Treppe.

Als 1936 die Handwerker in größerer Schar in der Rostocker Straße 4 anrückten, nahm der Hausherr Reißaus. In einem Berliner Reisebüro hatte er, wie Unterlagen im Neubrandenburger Regionalmuseum belegen, ein Ticket auf der 1929 bei Blohm & Voss in Hamburg gebauten MS Milwaukee gebucht, die ursprünglich ihren Dienst im Linienverkehr der HAPAG auf der Hamburg-Amerika-Linie versah. Nach Umbauten wurde der 16.700-Tonner schwere Luxusdampfer für 600 Passagiere ab dem Olympiajahr nur noch als Kreuzfahrtschiff eingesetzt. Von Berlin aus flog der 34-Jährige mit der Lufthansa nach Genua, und ab ging die Kreuzfahrt auf dem knapp 176 Meter langen Ozeanriesen.

Mühlenbesitzer Georg Moncke, nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters, des Neubrandenburger Stadtverordnetenvorsteher, seit sechs Jahren an der Spitze des Unternehmens stehend, floh förmlich vor dem Chaos, das der Umbau seines Hauses mit sich brachte. Vom Keller bis zum Boden wurde die kurz nach 1900 vom Maurermeister Ringel und Zimmermeister Seegert erbaute Villa modernisiert. Das umfasste die Küche im Keller, die einen Aufzug in das Erdgeschoss erhielt, ebenso wie das große Speisezimmer, das mit Holz getäfelt wurde, oder den Eingangsbereich des Hauses. Die alte Holzkonstruktion wich einem breiten aus bearbeiten Feldsteinen gebauten Aufgang. Dazu erhielt das Haus eine der ersten Dampfbügelstationen in der Stadt.

Die Pläne für den groß angelegten Umbau hatte ein entfernter Verwandter des Hausherren geliefert, der 1883 in Karlsruhe geborene Architekt Otto Bartning. Der 53-Jährige war in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Mit Walter Gropius hatte er Pläne zur Gründung des späteren Bauhauses entwickelt, die dann aber ohne ihn vor sich ging. Dafür wurde er nach dem Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau der erste und einzige Direktor der Weimarer Nachfolgeeinrichtung, der Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst, der Bauhochschule Weimar, „des anderen Bauhauses“ wie man die Einrichtung auch bezeichnete.

Prof. Otto Bartning galt als einer der großen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts. In den 20er Jahren hatte er sich mit spektakulären Entwürfen für neue Kirchen und Büchern über den Kirchenbau einen Namen gemacht. Kollegen bezeichneten ihn deshalb sogar als den ersten (Kirchenbaumeister) nach Schinkel. Neben Walter Gropius, Bruno und Max Taut und Ludwig Mies van der Rohe war er seit 1926 Mitglied des Rings, einer der wichtigsten Architektenvereinigungen.

Für den ab 1930 vorwiegend in Berlin tätigen Bartning war die Arbeit für den Vetter Georg Moncke mit Sicherheit keine herausragende Beschäftigung, auch wenn er öfter für private Auftraggeber Wohn- und Geschäftsbauten, zum Beispiel in Hamburg, Düsseldorf und in Berlin entwarf. Die notwendigen Fahrten nach Neubrandenburg konnte Otto Bartning aber auch nutzen, um andere Verwandte, zum Beispiel Elisabeth Wendt auf dem Gut Friedrichsruh bei Neubrandenburg, zu besuchen, wohin während des Krieges eines der Originalmanuskripte seines Buches „Entzückte Meerfahrt“ ausgelagert war. Hier konnte er sich aber auch mit Heinrich Tessenow, einem anderen überaus bekannten Kollegen treffen, der seit 1919 in Neubrandenburg wohnte. Tessenow unterhielt, wie in der Fachliteratur nachzulesen ist, freundschaftliche Beziehungen zum Ring. Vielleicht traf er den damals 60-Jährigen.

Georg Monckes lange in den USA lebender Sohn, der, der Familientradition folgend, ebenfalls den Vornamen Georg trägt, weiß dass neben dem Umbau der Villa auch eine Umgestaltung des kleinen Parks neben dem Haus durch Prof. Otto Bartning geplant war. Doch diese Pläne kamen nicht mehr zur Ausführung.

Mit Beginn des Krieges wurde der Mühlenbesitzer Georg Moncke als Artillerist eingezogen. Einige Monate nach Kriegsende kehrte der gewesene Oberleutnant der Wehrmacht nach kurzer Gefangenschaft zurück nach Neubrandenburg, wo er eine mit Flüchtlingen belegte Villa vorfand. Während die Trecks durch Neubrandenburg zogen oder sich von hier in Richtung Westen aufgemacht hatten, waren einige Möbel gestohlen worden, die Otto Bartning für die innenarchitektonische Einrichtung der Villa 1936 in Berlin ausgewählt hatte. Die restlichen Möbel verschwanden dann nach der sogenannten Republikflucht der Monckes 1953.

Während die private Gartengestaltung in der Rostocker Straße ausfiel, wurden nach dem Krieg zahlreiche andere Bartning-Vorhaben umgesetzt. Zu den größten gehört der Aufbau des Berliner Hansa-Viertels, für das unter seiner Leitung der Bebauungsplan entstand. Darüber hinaus schrieb der Nestor des deutschen Kirchenbaus mit der Entwicklung und Umsetzung eines Notkirchenprogramms des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen in Deutschland Geschichte. Nach seinen Plänen entstanden bis 1951 fast 50 Notkirchen. Darunter auch eine in Neubrandenburg. 1950/51 wurde sie auf der so genanten Vogelwiese in der Straußstraße aus Trümmern von Panzersperren und der Marienkirche errichtet.

Sollte Neubrandenburg erst eine große Kirche mit 4500 Sitzplätzen erhalten, bekam die Stadt nach einer von vom Hilfswerk und der Gemeinde gemeinsam getragenen Entscheidung ein bescheideneres Gotteshaus, eine Kapelle mit 180 Sitzplätzen. Nicht allein die Größe des Gebäudes schreckte damals die Gemeindeverantwortlichen, auch die Frage der anteilig zu zahlenden Baukosten. Mit Bartnings Einverständnis, wie man einem Erinnerungsbericht von Pastor Reinhold entnehmen kann, fiel die Entscheidung für eine sogenannten Diaspora-Kapelle, einer Serienkirche, die am 16. September 1951 feierlich eingeweiht wurde.

Georg Monckes Villa, für die es nach langen Jahren ihres Leerstandes nach der Wende sogar Abrisspläne gab, ist nach ihrer Sanierung 2004 Teil des Bildungszentrums Nordost Klaus-Detlef Schnoor